andreas horchler

ard-auslandskorrespondent in washington

Radio seit 1986, Volontariat, seit 1990 Hörfunk Hessischer Rundfunk, Frankfurt. hr-iNFO ab der ersten Sendestunde. Autor, Redaktion, Regie, Moderation, Feature, Hörspiel, Hörbuch, Hörfunk-Layout meinen blog: “amerikaner” gibt es hier:
© andreas horchler
radio Vielleicht hat das etwas mit Geschwindigkeit zu tun, vielleicht damit, dass Musik irgendwie besser klingt, wenn ab und zu jemand ein paar Worte sagt, vielleicht auch, weil es besser  Geschichten erzählen kann als Internet, Fernsehen und Zeitung. Das Radio ist lebendig. Das mit den Geschichten interessiert mich ganz besonders. Die gibt es in den USA überall. Hier in Washington ist tzm Beispiel Stau. Immer. Ich habe mir schon angewöhnt, wie die anderen zu hupen, sicher etwas zurückhaltender als diejenigen, die das schon viele Jahre mitmachen und eigentlich immer hupen. Die US-Hauptstadt ist ja nicht groß, bezogen auf die Einwohnerzahl kleiner als Frankfurt. Weniger als 650.000 Menschen wohnen im District of Columbia, aber locker noch einmal so viele pendeln in die Stadt. Ein Korrespondentenkollege hatte mir, als ich auf Wohnungssuche war, warnend mit auf den Weg gegeben. Sieh bloß zu, dass Du „inside the Beltway“ wohnst. Der Beltway ist die Autobahnumfahrung rund um die Stadt. Für den Beltway braucht man starke Nerven und eine Menge Zeit. Nach einem langen Winter sind die Schlaglöcher so tief, dass jeden Tag Reifen platzen, Wagen liegen bleiben, die Staus länger werden. Wann das repariert wird? Schwer zu sagen in einem Land mit niedriger Steuerquote und entsprechend leeren Kassen. Eigentlich ist es mit der Autobahnumfahrung genauso wie in der Politik, die hier „Beltway-Politics“ genannt wird. Wer innerhalb dieses Kreises öffentlich auftritt, ist wichtig und will wichtig genommen werden. Mieten, Restaurantbesuch, Kaffee im Pappbecher, fast alles ist unverschämt teuer. Ich bin Übersetzer. Nicht hauptsächlich vom Englischen ins Deutsche, sondern vor allem von einem System der Werte, der Regeln, der Politik ins andere. Im live-Gespräch, in den Nachrichten, mit Hintergrundbeiträgen. NSA, Regierungsstillstand, Syrien, Iran, Ukraine, Obamacare, Rassismus, Todesstrafe.  Bei den öffentlichen Anhörungen, den Pressekonferenzen, den Hintergrundgesprächen habe ich mich daran gewöhnt, den Sicherheitscheck, der mich oft an die Zeit nach dem 11. September 2001 erinnert, geduldig über mich ergehen zu lassen. Der Ertrag lohnt sich fast immer in der Weltmacht-Hauptstadt mit den Büros der Senatoren und Abgeordneten, die hier „Lawmakers“ heißen, also „Gesetzesmacher“, in den Hallen der Denkfabriken, den Universitäten und den Archiven und Museen, die keinen Eintritt verlangen und ein erstklassiges Rahmenprogramm anbieten. Rund um die National Mall, mit ihren Denkmälern der Demokratie, feilschen jeden Tag tausende Spezialisten um kleine Vorteile für Ihre jeweilige Sache. Im August 2013, beim verregneten 50. Jahrestag des Marsches auf Washington, sagte Präsident Obama in Erinnerung an eines der denkwürdigsten Ereignisse der amerikanischen Geschichte und an die berühmte „I have a dream“-Rede Martin Luther Kings: „Wir marschieren immer noch“. Und Amerika marschiert in eine ungewisse Zukunft, politisch im Zwist, mit einer Gesellschaft, die schon bald nicht mehr mehrheitlich aus weißen Protestanten bestehen wird. Hier in der Stadt ist der kleine Nordwesten weiß und reich, der Rest schwarz und arm, viele Asiaten, viele Lateinamerikaner sind in die Stadt gezogen.    Washington ist fordernd und jeden Tag aufregend, aber der Subkontinent, auf dem die meisten Ziele vernünftig nur mit dem Flugzeug erreichbar sind, ist mehr, spielt oft weit jenseits des Beltway. Direkt an die Stadt grenzen zwei höchst unterschiedliche Staaten. Maryland im Norden mit seinen Milchfarmen und der verarmenden Hafenstadt Baltimore, Virginia im Süden mit Richmond, der stolzen ehemaligen Hauptstadt der Konföderation.  Ich bin gern unterwegs, auch dorthin, wo ich niemals Urlaub machen würde.  Welche Zukunft hat Ferguson? Welche Perspektive die Oglala- Sioux, die in South Dakota auf der strahlenden Erbschaft des Uranbergbaus sitzen? Was bringt die Menschen in der Pleitestadt Detroit dazu, einen Häuserblock auf Vordermann zu bringen, kilometerweit umgeben von Ruinen? Und welche Perspektiven gibt es für Städte, die ihre guten Tage längst gesehen haben? Was wird aus  VW in Chattanooga, Tennessee und dem „Ferdinand- Piech-Way?“ Welche Zukunft haben die Kinder der Chocktaw-Indianer im Südosten von Oklahoma, einem Armenhaus Amerikas, das von Präsident Obama zur „promise zone“ gemacht wurde? Ist das ein Lippenbekenntnis oder wird daraus echte Hilfe? Washington ist der politische Brutkasten, die USA das Krankenhaus drum herum. Die Machtfülle im District of Columbia geht fast allen, die nicht daran teil haben, gegen den Strich. Mir manchmal auch, aber dann gibt es wieder die nächste Geschichte, die nächste Begegnung.   

vom rheinland über frankfurt nach washington

Sanfte Mittelgebirge, der Rhein, die Mosel, der Wein, die lässigen Rheinländer, die vielen preussischen Soldaten. Dann die kleine ex-Hauptstadt ein paar Kilometer flussabwärts, dann Frankfurt,dann die amerikanische Hauptstadt am Potomac. Stoffe, die das Zeug zu guten Stories haben, gibt es im Taunus und auf der National Mall. Kaum zu glauben, aber ich bin jetzt über ein viertel Jahrhundert unterwegs, um diese Stories zu finden. Manchmal habe ich viel Glück und treffe die richtigen Leute, die mir spannende Dinge erzählen können. Manchmal ist es wenig spektakulär, aber trifft trotzdem einen Ton, der berichtenswert ist. Und oft spielt der Zufall eine gar nicht so geringe Rolle. Beispiele unter Geschichten.